Behalten ist nicht Erinnern – So lernen Sie 50% schneller

​Fragt der Sohn den Vater: "Papa, was ist eigentlich ein Vakuum ?

Darauf der Vater: "Ich hab's im Kopf, aber es fällt mir nicht ein.

Dieser unter Kindern beliebte Scherz enthält eine verblüffende Wahrheit, die bereits in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in zwei interessanten Experimenten belegt wurde. 

Behalten ist nicht Erinnern 

Experiment 1

Allen Teilnehmern wurde eine Liste von 100 Wörtern vorgelegt, die sie sich merken sollten.

Die eine Hälfte der Teilnehmer sollte alle Wörter nennen, die sie sich eingeprägt hat.

Im Schnitt erinnerten sich diese Teilnehmer an 38 von 100 Wörtern.

Der anderen Hälfte wurden nacheinander 200 Wörter gezeigt, in denen die 100 Wörter enthalten waren. Sie sollten bei jedem Wort angeben, ob es zur vorher gelernten Liste gehört.

Im Schnitt konnten diese Teilnehmer 96 von 100 Wörtern identifizieren.

Die Wörter sind also nahezu alle in unserem Kopf gespeichert. Aber wir erinnern uns nur an etwas mehr als ein Drittel von ihnen.

Experiment 2

Auch hier sollten die Teilnehmer eine Liste von Wörtern lernen. Und es wurden auch wieder zwei Gruppen gebildet.

Bei der ersten Gruppe wurden die Wörter zunächst gezeigt (Z), dann wurde getestet, an wieviele sie sich erinnern (E) konnten. Anschliessend wurden die Wörter wieder gezeigt und es wurde wieder getestet.

Die Abfolge war ZE ZE ZE ZE ZE ZE.

Bei der zweiten Gruppe wurden die selben Wörter verwendet, aber die Abfolge von Zeigen und Testen war anders: Nach jedem Zeigen der Wörter wurde nicht einmal sondern dreimal getestet. Die Teilnehmer mussten also dreimal hintereinander alle Wörter aufzählen, an die sie sich erinnern konnten.

Die Abfolge war ZEEE ZEEE.

Das erstaunliche Ergebnis dieses Experiments war, dass beide Gruppen von Teilnehmern gleich gut lernten.

Die Lernrate der Teilnehmer hing ausschliesslich davon ab, wie oft sie sich an die Wörter zu erinnern versuchten.

Es war also verschwendete Zeit, sich die Wörter immer wieder anzusehen, um sie zu lernen.

Hätten Sie das vermutet ?

Erinnern ist Lernen

Wie können wir dieses Ergebnis beim Lernen nutzen ?

Ganz einfach. Teilen Sie den Lernprozess konsequent in Phasen ein:

Phase 1: Stoff aufnehmen

Sie lesen den Stoff und beschäftigen sich aktiv mit ihm, indem Sie Assoziationen zu Bekanntem herstellen.

Phase 2: Stoff reproduzieren

Sie legen den Stoff beiseite. Dann rekonstruieren Sie das Gelernte aus dem Gedächtnis. Sie können sich dabei Notizen machen, Stichworte aufschreiben oder etwas skizzieren. Wichtig ist, dass Sie auf keinen Fall etwas nachschlagen. Alles kommt aus ihrem Gedächtnis.

Phase 3: Stoff erneut reproduzieren

Nach einer Pause, die eine Stunde oder auch einen Tag dauern kann, rekonstruieren Sie genau wie in Phase 2 den Stoff. Auch hier verwenden Sie wieder ausschliesslich Ihr Gedächtnis. Andere Hilfsmittel brauchen Sie nicht.

Phase 4: Stoff erneut reproduzieren

Nach einer weiteren Pause durchlaufen Sie erneut Phase 3. Die Erfahrung zeigt, dass zwei bis vier Wiederholungsphasen sinnvoll sind. Das hängt von Ihnen und von Art und Umfang des Stoffes ab.

Phase 5: Stoff aufnehmen

Jetzt kehren Sie zurück zu Ihrem Stoff. Sie vergleichen die Ergebnisse Ihrer Reproduktion mit dem, was Sie lernen wollten. Sie werden vielleicht Lücken finden, vielleicht auch Missverständnisse. Vieles werden Sie aber schon richtig gelernt haben. Führen Sie diesen Vergleich konzentriert durch. Und verwenden Sie wieder Assoziationen, um das Behalten noch weiter zu vertiefen.

Nach einer Pause von einem bis drei Tagen durchlaufen Sie die Phasen 1 bis 5 erneut.

Mit diesem Vorgehen werden Sie bereits ein sehr gutes Ergebnis erzielen und sich Dinge lange und gut merken können.

Zusammenfassung

Bereits beim ersten Lernen behalten wir uns nahezu 100% des Stoffes. Nur das Erinnern muss trainiert werden.

Deshalb können wir das Lernen beschleunigen, indem wir den Stoff seltener lesen und öfter aus dem Gedächtnis rekonstruieren.

Über den Autor Erwin J. Bauer

Mich interessiert wie wir denken, lernen, verstehen und kommunizieren. Als Berater, Projektmanager und Coach lerne ich täglich dazu.

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