Germany’s next Mental Model – Verstehen auf hohem Niveau

Kevin war auf dem Weg in die Uni. Heute hatte er eine Prüfung in Physik und war sehr aufgeregt. Denn er war sich nicht sicher, ob er genügend Klausuren für seine Studenten kopiert hatte.

Der Dozent war auf dem Weg in die Uni. Heute hatte er eine Prüfung in Physik und war sehr aufgeregt. Denn er war sich nicht sicher, ob er genügend Klausuren für seine Studenten kopiert hatte.

Haben Sie beim Lesen des ersten Textes auch gestockt? Und den Text nochmal von vorne gelesen?

Das Erstaunliche ist, dass es nur beim ersten Text passiert. Obwohl der zweite bis auf das erste Wort genau gleich aufgebaut ist!​

Mentale Modelle

Der britische Psychologe Philip Johnson-Laird hat bereits 1983 in seinem Buch "Mental Models. Towards a Cognitive Science of Language, Inference and Consciousness"​ eine grundlegende Erklärung dafür geliefert.

​Wenn wir einen Text lesen, nehmen wir nicht einfach nur Informationen auf. Sondern von Beginn an vergleichen wir die gelesenen Informationen mit dem, was bereits in unserem Gehirn gespeichert ist. Unsere persönlichen Assoziationen und unsere "Geschichte" bestimmen also, wie wir das Gelesene verstehen.

Johnson-Laird nennt diese gespeicherten Informationen mentale Modelle.​

Den Begriff mental model hatte Kenneth Craik bereits 1943 in seinem Werk "The Nature of Explanation" geprägt.

Und wie Sie im Beispiel oben gesehen haben, kann eine kleine Änderung im Text dazu führen, dass ein ganz anderes mentales Modell im Gehirn aktiviert wird. Einmal der Student, ein andermal der Professor.​

​Die Erkenntnisse von Johnson-Laird sind in doppelter Hinsicht bedeutend.

Zum einen zeigen sie uns, dass Verstehen ein aktiver Prozess ist, bei dem wir ständig vorhandene Informationen mit neuen Informationen vergleichen.

Zum anderen liefern die mentalen Modelle eine perfekte Erklärung für das Entstehen von Missverständnissen. Vielleicht hat ein Gegenüber, das Sie partout nicht verstehen "will" ja einfach ein anderes mentales Modell der Wirklichkeit gespeichert und gerade aktiviert?

Wie wäre es, wenn wir einen Vorrat an mentalen Modellen hätten? Wenn wir die wichtigsten mentalen Modelle kennen würden? Wir würden dann vieles leichter verstehen. Und vor allem würden wir die Dinge so verstehen, wie sie von unserem Gegenüber gemeint waren!

Sprache und Metaphern

Wie erkenne ich mentale Modelle? Bei mir selbst oder bei einem Gesprächspartner?

​Der Schlüssel zum Verständnis mentaler Modelle liegt in der Sprache. Die Verwendung bestimmter Begriffe und Analogien führt uns auf die Spur des mentalen Modells.

Stellen Sie sich die folgende Situation vor:

Ein Mann betritt ein Selbstbedienungsrestaurant, setzt sich an einen Tisch und wartet. Sie sitzen am Nebentisch und hören wie er mit jemandem telefoniert. Nach ein paar Minuten sagt er: "Und jetzt warte ich immer noch auf die Bedienung."

​Als Sie das Wort "Bedienung" hören wird Ihnen klar, dass dieser Mann ein anderes mentales Modell von diesem Restaurant hat als sie. In seinem Modell kommt eine Bedienung an denTisch und nimmt die Bestellung auf.

Er erwartet also bedient zu werden, weil das in seinem Modell so vorgesehen ist.​

Natürlich werden Sie gleich an seinen Tisch gehen und ihn höflich aufklären. Und gleichzeitig ändern sie damit sein mentales Modell des Restaurants.​ Ob Sie wollen oder nicht!

Mißverständnisse und Witze

Was in diesem Restaurant passiert, erlebt jeder von uns jeden Tag.

Die Ursache der meisten Missverständnisse sind unterschiedliche mentale Modelle. Man denkt verschieden darüber, wie etwas ist oder wie etwas funktioniert. 

Mentale Modelle sind Vorurteile, die mehr oder weniger gut auf die Wirklichkeit zutreffen.

Kennen Sie den?

"Kommt ein Kunde zum Metzger und sagt: "Ich hätte gerne 200 Gramm Leberwurst. Von der fetten groben bitte."

Dara​uf der Metzger: "Die hat heute leider Berufsschule.""

Alles klar?​

Was kann ich tun?

Versuchen Sie doch einfach einmal, beim nächsten Gespräch, beim nächsten Missverständnis herauszufinden, welches mentale Modell ihr Gegenüber hat. Und welches Modell Sie haben.

Sie werden dann zwei sehr beruhigende Dinge erleben.

Sie werden eine entspannte Distanz zum Thema bekommen, weil Sie die Situation von außen betrachten.

Und Sie werden schon nach kurzer Zeit verstehen, wie ihr Gesprächspartner "tickt".

Probieren Sie es!

Zusammenfassung

Verstehen ist ein aktiver Prozess, bei dem mentale Modelle aktiviert werden.

Mentale Modelle sind der Schlüssel zum besseren Verstehen.

Leute, die Dinge sehr schnell verstehen, haben oft einfach nur das passende mentale Modell gespeichert.​

Über den Autor Erwin J. Bauer

Mich interessiert wie wir denken, lernen, verstehen und kommunizieren. Als Berater, Projektmanager und Coach lerne ich täglich dazu.

>

Melden Sie sich hier für meinen Newsletter an.

Und erhalten Sie aktuelle Informationen zu Projektmanagement, Denken und Lernen. Mit Ihrer Anmeldung akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung dieser Website. Sie können sich jederzeit vom Newsletter abmelden.

x