Mentale Modelle Nr. 2 – Warum wir Wachstum so schwer verstehen

Um das Jahr 1870 schrieb der Apotheker Paul Horn aus Waren

"Wohl keine Pflanze hat in den letzten Jahren die allgemeine Aufmerksamkeit in einem solchen Grade in Anspruch genommen, als Elodea canadensis, da sie, mit ungeheurer Schnelligkeit sich in Kanälen, Flüssen und Seen verbreitend, oft der Schifffahrt und der Fischerei wesentliche Hindernisse bereitete und große Summen für ihre Vertreibung in Anspruch nahm." 

Eindrucksvoller kann man einen Wachstumsprozess nicht beschreiben. Nur wenige Exemplare dieser unscheinbaren Wasserpflanze genügten, um innerhalb weniger Jahrzehnte die meisten europäischen Gewässer zu besiedeln.

Wachstum ist ein allgegenwärtiger Vorgang. Und trotzdem neigen wir dazu, ihn völlig falsch einzuschätzen.

Wachstum und Intuition

Kinder putzen nicht gerne Zähne.

Aber wenn Sie ihnen erklären, warum Zähneputzen wichtig ist​, können Sie etwas Wichtiges lernen.

Wenn sich abends EIN einziges Bakterium im Mund befindet, das sich alle 20 Minuten teilt, wieviele Bakterien sind dann nach vier Stunden Schlaf im Mund?

Und wieviele nach 8 Stunden?

Als Antwort auf diese Fragen werden Sie meistens kleine Zahlen hören. Ein paar hundert bis vielleicht ein paar tausend.

Und die zweite Zahl wird oft doppelt so groß geschätzt wie die erste.​

Von den wirklichen Werten 4.096 und 16.777.216 sind die genannten Zahlen meist meilenweit entfernt.

Wieso sind wir so schlecht bei der Einschätzung von Wachstum?

Warum versagt hier unsere Intuition?

Drei Modelle für Wachstumsprozesse

Wachstum ist die Veränderung einer Größe in der Zeit.

Mit Wachstum sind also alle "echten" Wachstumsprozesse gemeint. Das Wachsen von Pflanzen und Tieren. Oder auch das Wachstum von Unternehmen.

Aber auch andere Veränderungsprozesse können als Wachstum gesehen werden.

Beim Lernen ändert sich die Menge des Gelernten.​ Beim Tanken ändert sich der Füllstand des Tanks - und übrigens auch der Tankstelle. 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es drei wesentliche Typen von Wachstumsprozessen gibt, die sich fundamental unterscheiden.

Lineares Wachstum

Ein Stausee, in den kontinuierlich die gleiche Wassermenge fließt, ist ein typisches Beispiel für lineares Wachstum.

In jeder Zeiteinheit fließt die gleiche Menge Wasser in den See.

Für solche Prozesse haben wir eine sehr gute Intuition. Wir liegen bei Prognosen immer in der richtigen Größenordnung. Oft sogar nahe am richtigen Wert.​

Exponentielles Wachstum

Exponentielles Wachstum liegt dann vor, wenn der Zuwachs in einer Zeiteinheit von der bereits vorhandenen Menge abhängt.

Das klassische Beispiel ist das oben genannte Wachstum von Bakterien. Nach 20 Minuten haben sich alle Bakterien verdoppelt.

Waren es zu Beginn 25 Bakterien, dann sind es nach 20 Minuten 50. Waren es anfangs 2000, dann sind es 4000.

Beim Einschätzen exponentieller Wachstumsprozesse ist unsere Intuition miserabel. In der Regel werden wir mit dem "linearen Vorurteil" schätzen. Am Anfang des Wachstums funktioniert diese Annäherung noch. Mit fortschreitendem Wachstum liegen wird grandios neben der Wirklichkeit.

Beschränktes Wachstum

Von beschränktem Wachstum spricht man, wenn der Wachstumsprozess durch einen Maximalwert begrenzt ist.

Alle Trainings- und Lernvorgänge sind Beispiele hierfür.

Charakteristisch für beschränktes Wachstum ist, dass die Wachstumsgeschwindigkeit am Anfang groß ist und dann kontinuierlich kleiner wird.

Wenn Sie als Anfänger mit dem Laufen beginnen, brauchen Sie vielleicht 6 oder 7 Minuten für einen Kilometer. Aber schon mit wenig Training werden Sie Ihre Zeit um eine oder sogar zwei Minuten verbessern können.

​Ein sehr gut trainierter Läufer, der 3:15 Minuten für einen Kilometer benötigt, wird sehr lange trainieren müssen, um eine Steigerung auf 3:10 Minuten zu erreichen.

Die Einschätzung beschränkter Wachstumsprozesse fällt uns schwer. Wir neigen dazu, das Wachstum am Anfang zu unterschätzen. Am Ende überschätzen wir es. 

Einschätzungen und Prognosen verbessern

Wozu das Ganze?

Unsere Welt ist voll von Veränderung und Wachstum.

Unser Wirtschaftssystem hat Wachstum als Grundprinzip. Und es gibt kein Wissensgebiet, in dem nicht Zeit - und damit Wachstum - eine Rolle spielt.

Sie sind jetzt mit drei mentalen Modellen für Wachstum ausgerüstet. Damit werden Sie ab sofort viele Dinge schneller verstehen und einordnen können. Sie treffen bessere Prognosen und können Risiken früher erkennen. Und Sie können zwei Dinge tun, um diese Fähigkeit weiter zu vertiefen:

​Finden Sie Wachstumsprozesse und stellen Sie fest, um welchen Typ von Wachstum es sich handelt

Schulen Sie ihre Intuition, indem Sie mit Hilfe Ihrer neuen mentalen Modelle Prognosen machen und diese dann überprüfen

Mit welchem Wachstums- oder Veränderungsprozess hatten Sie kürzlich zu tun?

Um welche Art von Wachstum hat es sich gehandelt?

Welche Mischformen der drei Modelle für Wachstum kennen Sie?​

Zusammenfassung

Unsere Welt ist voll von Wachstumsprozessen.

Es gibt drei wichtige Typen von Wachstum.

​Die mentalen Modelle für Wachstum lassen uns Veränderungsprozesse schneller und besser verstehen.

Eine kurze Einführung in das Thema mentale Modelle finden Sie hier.

Über den Autor Erwin J. Bauer

Mich interessiert wie wir denken, lernen, verstehen und kommunizieren. Als Berater, Projektmanager und Coach lerne ich täglich dazu.

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